Michaeli in Brüssel

Zur Rhythmisierung des Jahreslaufes und zur Gewinnung von tragenden Lebensmotiven ist es Brauch in den Waldorfeinrichtungen die Festeszeit Michaeli in unterschiedlichen Formen zu begehen. Für die Kinder und Jugendlichen finden in diesem Zusammenhang Aktivitäten, in denen Mut gefordert wird statt. Für die "Großen" geht es häufiger darum, sich darüber zu verständigen, mit welchen Kräften man sich verbinden muss, um seine Ideale allen Widrigkeiten zum Trotz zu verwirklichen.

Etwas von diesen Motiven war auch anwesend als am 29. September dieses Jahres (Michaeli!) Vertreter der Waldorfschulbewegungen in Großbritannien, Frankreich, Schweden, Österreich und Deutschland eine Einladung des Kulturausschusses des Europaparlaments folge leisteten. Auf der Tagesordnung stand ein Bericht und eine Aussprache zur "Steiner-Waldorf-Erziehung", vorgesehen waren hierzu 45 Min. .

Wie war es zu dieser Begegnung gekommen?

Etwa zwei Jahre waren dazu genutzt worden, Kontakte zu Europaparlaments-abgeordneten zu knüpfen, die sich schwerpunktmäßig mit Bildungsfragen befassen. Der Einstieg in diese Runde erfolgte über Kontakte in Skandinavien und die Kontakthinweise der ersten Abgeordneten halfen dabei Termine mit den weiteren nach und nach verabreden zu können. Die Möglichkeit der Kontaktaufnahme ist auch dadurch erschwert, dass die Europaparlamentarier sowohl Termine in Straßburg als auch in Brüssel und natürlich in ihren Heimatländern wahrnehmen. Kontakte auf der Parlamentsebene sind daher lediglich zu den Sitzungszeiten, in ganz bestimmten Zeitfenstern, möglich. Eine Hilfe bei der Erweckung allgemeiner Aufmerksamkeit war sicher auch eine Ausstellung zur Waldorfpädagogik, die im Januar 2001 in einer stark frequentierten Passage im Gebäude des Europaparlaments stattfinden konnte. Es galt nach und nach die Zustimmung der Abgeordneten für eine Darstellung innerhalb des Kulturausschusses zu gewinnen. Eine sicherlich immer wieder zu machende Erfahrung im Umgang mit Politikern ist die Tatsache, dass diese persönlich oder in Übereinstimmung mit ihrer jeweiligen Partei ganz bestimmte eigene Prioritäten für ihr politisches Handeln setzen. Die Kunst in der Begegnung mit diesen Persönlichkeiten ist es, die Überschneidung ihrer mit der eigenen Priorität zu entdecken und herauszupräparieren. Dabei kann man erleben, wie z.B. ein interessiert zuhörender Abgeordneter aus Wales uns nach unseren eher pädagogischen Ausführungen mit der Frage verblüffte: "Und was tun Sie gegen die Landflucht?" Alle Flexibilität und Geistesgegenwart, die Waldorflehrer sich im Laufe ihrer beruflichen Praxis aneignen war in diesem Moment gefordert. Unsere Schrecksekunden waren wirklich nur Sekunden und schon begann einer aus der Runde über die Bedeutung der Heimatkunde, den Gartenbauunterricht und die bei uns vorherrschende Offenheit dem Geistigen und dem Bodenständigen zu sprechen. Im Verlauf verschiedener Begegnungen dieser Art bekommt man nach und nach auch mit, wer bei aller Gleichberechtigung der Parlamentarier doch etwas "gleicher" als andere ist, wenn man gefragt wird ob man mit dieser oder jener Person auch schon gesprochen habe, weil deren Urteil zuletzt ausschlaggebend sei. Bei einer deutschen Abgeordneten, die eine wesentliche Rolle in dem Ausschuss spielt, der man mit dem Besuch ganz offensichtlich Zeit für Wichtigeres raubte, ging es darum in den ersten Minuten des Vortrags keine Pause entstehen zu lassen, die es ihr ermöglicht hätte uns mit dem Hinweis, dass sie ohnehin nichts für uns tun könne, hinaus zu komplimentieren. Auch diese Hürde wurde genommen.

Zuletzt hatten wir im Vorfeld die Begegnung mit dem Präsidenten des Ausschusses, dem früheren Premierminister von Frankreich, Michel Rocard, der uns eine Kurzvorlesung darüber erteilte, warum der französische Zentralismus eine geschichtliche Notwendigkeit zur &Mac246; wenn nötig auch gewaltsamen &Mac246; Vereinigung der unterschiedlichen Volksgruppen in Frankreich sei. Er tat dies nicht ohne eine gewisse Ironie und zeigte sich im Anschluss daran fast ungläubig, dass sogar in diesem so geschilderten Frankreich Freie Waldorfschulen überleben könnten. Nachdem auch seine Zustimmung zu einer Präsentation der Waldorfpädagogik im Kulturausschuss eingeholt war, wurde der 29.9.2003, der erste Sitzungstag nach der Sommerpause, verabredet.

Als wir uns an diesem Tag zur Ausschusssitzung begaben und die viele Punkte umfassende Tagesordnung wahrnahmen, wurde uns die Herausforderung des Unterfangens nochmals sehr deutlich. Routinemäßige Geschäftsordnungspunkte, Berichte aus unterschiedlichsten Kommissionen, vermutlich mehr oder minder bekannte Sachverhalte waren abzuhandeln. Wie sollte in diesem Kontext unsere Besonderheit erkennbar werden? Neben diesen inhaltlichen Fragen stellte sich natürlich auch der aktuelle Eindruck im Sitzungssaal: Anwesend waren neben dem Präsidium vielleicht 20 Abgeordnete, eine Abordnung aus der europäischen Kommission, zahlreiche Mitarbeiter dieser Amtsinhaber und etwa 30 Gäste. Diese Personenkonstellation brachte ein dauerndes Hereinkommen und Herausgehen, Bewegungen und Flüstergespräche an den verschiedensten Stellen im Raum, eine Situation wie sie sich kein Lehrer wünschen kann, wenn er etwa an seine Klasse denkt.

Als wir endlich an der Reihe waren und Christopher Clouder (Großbritannien) für das European Council for Steiner Waldorf Education das Wort ergriff, und einen weiten philosophisch-pädagogischen Bogen schlug, veränderte sich die Atmosphäre im Raum merklich. Das innere Engagement des Sprechers, sein Eingehen auf Zeitfragen und darauf, wie Kinder und Jugendliche sich in diesen zukünftig zurechtfinden können, hatte unmittelbar einen anderen Ton, schuf unmittelbar ein anderes Zuhören. Sogar die Simultanübersetzer veränderten ihren Tonfall. Wenn man sich in die Sprachen, die einem auch vertraut sind, per Kopfhörer einschaltete, konnte man heraushören, dass nicht mehr der übliche Politjargon zu übersetzen war, sondern ein originäres Ringen um den treffenden Ausdruck stattfand.

An die Ausführungen von Christopher Clouder schloss sich ein eher aus der direkten pädagogischen Arbeit stammender Beitrag von Isabelle Ablard-Dupin (Frankreich) an, in dem sie ihre Beziehung zu Schülerinnen und Schülern an einer Waldorfschule schilderte. Sehr anschaulich wurde dabei die Freiheit, die Intimität und die Verantwortung, die hierbei pädagogisch fruchtbar werden kann. Wie beeindruckend diese sensible Schilderung auf das Auditorium wirkte, mag daran abzulesen sein, dass der Präsident Rocard ein herzliches "Bravo" ausrief, als Isabelle Ablard-Dupin ihre Ausführungen beendet hatte. Die anschließenden Fragen aus dem Plenum bezogen sich u.a. auf den Fremdsprachenunterricht, den Sportunterricht und inwiefern die Waldorfschulen möglicherweise eine Gefahr für die staatlichen Bildungsstrukturen darstellten. Es liegt auf der Hand, dass wir hinsichtlich des Fremdsprachenunterrichtes ab den Anfangsklassen eine allgemein sehr zufriedenstellende Antwort geben konnten. Bei der Sportfrage wurde auf die Wichtigkeit von Bewegung, Rhythmus und Ertüchtigung in unserem gesamten Unterrichtsaufbau hingewiesen und die Frage inwiefern wir ein Stachel im Fleisch der staatlichen Erziehungssysteme seinen wurde das mehr oder minder fruchtbare Nebeneinander in den Ländern der europäischen Union anschaulich skizziert. Es war erfreulich festzustellen, dass die Abgeordneten, die wir in den o.g. zwei Jahren aufgesucht hatten überwiegend stolz darauf waren uns den Weg zu dieser gelungenen Präsentation geebnet zu haben. Ausdrücklich wurden wir nochmals gefragt deutlich zu machen, worin die weitere Unterstützung bestehen könnte.

Zur weiteren Information und zum Dank für die Aufmerksamkeit wurde zahlreichen Teilnehmern der Sitzung die Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners überreicht, aus der in sehr attraktiver Aufmachung das weltweite Wirken der menschheitlich orientierten Waldorfpädagogik hervorgeht. Nach Einschätzung unseres Brüsseler Lobbykreises ist uns mit dieser Präsentation ein wichtiger Schritt in Richtung auf Akzeptanz unserer Ausprägung eines nichtstaatlichen Schulwesens in Europa gelungen, von dem aus sich weitere nützliche Kontakte ergeben werden.

Die im kommenden Jahr anstehenden Wahlen zum Europaparlament sollten auch regional von den Mitgliedern der Schulgemeinschaften dazu genutzt werden auf unsere Repräsentation in Brüssel aufmerksam zu machen, um Anknüpfungen auf der EU-Ebene auch mit neuen Parlamentariern zu erleichtern.

Walter Hiller